Erfahrungen aus der Praxis

In den vergangenen Jahren haben sich viele Quartiersakteur*innen auf den Weg gemacht, digitale Werkzeuge für die Unterstützung ihrer Arbeit zu implementieren. Einige Aktivitäten wurden im Rahmen von Forschungsprojekten angestoßen und/oder begleitet. Die Erfahrungen aus solchen Projekten geben Hinweise auf Einflussfaktoren für eine erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsaktivitäten in der Quartiersentwicklung. Dies betreffen u.a. infrastrukturelle Voraussetzungen, Strategieentwicklung auf kommunaler Ebene, Ressourcen und Finanzierung, und die Einbindung von Stakeholder*innen und deren Rollen.

Eine wesentliche Erfahrung ist, dass die Anforderungen und den Aufbau und den Betrieb von Online-Portalen als Werkzeug der Quartiersentwicklung und die damit verbundenen personellen Aufwände häufig unterschätzt werden. Im Gegensatz zu allgemeinen kommerziellen Social-Media Plattformen sind Nachbarschaftsportale keine „Selbstläufer“, die von allein auf Basis von nutzer-generierten Inhalten zu vielfältigen Interaktionen zwischen Bürger*innen führen. Positive Wirkungen auf die Vernetzung und die Mobilisierung von nachbarschaftlichen Aktivitäten sind vielmehr (ggf. dauerhaft) von einer aktiven Netzwerkarbeit, Moderation und professionellen Maßnahmen zur Aktivierung abhängig.

Weitere Erfahrungen aus Praxisprojekten sind:

  • Digitale Angebote dürfen nicht losgelöst von den bestehenden Strukturen im Sozialraum konzipiert werden, sondern sollten an diese angebunden und als virtuelle Ergänzung verstanden werden. Dazu können auch bestehende IT-Lösungen im Sozialraum zählen.
  • Digitale Angebote sind eine Ergänzung zu Präsenzangeboten und physische Begegnungsmöglichkeiten, kein Ersatz.
  • Digitale Angebote sind kein Selbstzweck – sie sollten in die Strategie und die übergeordneten Ziele des Quartiersmanagement eingebettet sein (siehe auch Strategische Planung digitaler Quartiersarbeit). Dabei gilt es, eine sinnvolle Balance zwischen Top-Down- (Strategische Planung, zentrale Unterstützung) und Bottom-Up-Ansätzen (Partizipation, Selbstverwaltung) zu finden.
  • Die Startphase eine neues Online-Angebots muss gut geplant werden und erfordern eine entsprechende Vorbereitung, in der Prozesse für das Onboarding von Nutzer*innen, die Content- und Traffic-Generierung (z. B. über Multiplikator*innen) gestaltet werden müssen. Hierzu haben sich häufig auch kurze Testphasen mit einer kleineren Gruppe von Lead-User*innen und Multiplikator*innen bewährt, damit die Prozesse beim Start der Angebote eingespielt sind.
  • Insgesamt zeigt sich: die erfolgreiche Einführung digitaler Angebote braucht Zeit, um relevante Akteure und Stakeholdergruppen mitzunehmen. Vorbereitungsphasen von mehr als einem Jahr sind dabei nicht ungewöhnlich.
  • Angebote sollten möglichst offen (z. B. generationenübergreifend) gestaltet sein, um Stigmatisierung zu vermeiden. Die Inklusion sozial benachteiligte Gruppen benötigt aber niederschwellige Unterstützungsmaßnahmen (siehe Befähigung zur digitalen Teilhabe), um wachsende Ungleichheiten in der digitalen Teilhabe zu vermeiden.

Die hier dargestellten Erfahrungen beruhen zum Teil auf Ergebnissen des Forschungsprojektes „Technik im Quartier“ im Rahmen des Verbunds „IBH Living Lab AAL“, die auch in einer Abschlusspublikation  veröffentlicht wurden. Die Praxiserfahrungen finden sich im Detail in den Beträgen „Technik im Quartier aus Perspektive der Sozialraumakteure“ (Maier et al. 2021) und „Technik im Quartier: Lessons Learned“ (Schmitter et al. 2021).

Aus den Erfahrungen zeigen sich in der Begleitung komplexe Wechselwirkungen und Widersprüchlichkeiten, die sich nicht vollständig auflösen lassen und daher einer angemessenen Berücksichtigung und Reflektion während des Projektmanagements bedürfen.

Beispiele hierfür sind:

  • Das Zusammenspiel zwischen Online-Aktivitäten und physischen Interaktionen sollte bedacht und gezielt gefördert werden. Online-Dienste können auf Präsenzveranstaltungen aufmerksam machen und die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten fördern, umgekehrt sind analoge Kommunikationskanäle und Präsenz im öffentlichen Raum eine wichtige Voraussetzung für die Rekrutierung von Nutzer*innen für sozialraumbezogene digitale Angebote.
  • Die Anbindung an starke bestehende Strukturen kann helfen, digitale Angebote zu etablieren. Gleichzeitig können gut etablierte Strukturen und Prozesse auch die Veränderungsbereitschaft und damit Akzeptanz für neue Angebote einschränken.
  • Externe Anschubfinanzierungen und Modellprojekte können helfen, digitale Angebote vorzubereiten und zu etablieren. Sie können aber zu Abhängigkeiten von externen Ressourcen führen, die nach dem Projektende nicht mehr verfügbar sind. Für den nachhaltigen Betrieb von digitalen Plattformen und Angeboten müssen daher langfristige finanzielle und personelle Ressourcen (z. B. seitens der Kommune) bereitgestellt werden.

Bei der Auswahl von Werkzeugen stehen Akteur*innen häufig vor der Wahl zwischen kommerziellen (oder generischen) Angeboten und selbst betriebenen (z. B. Open-Source) oder gar selbst entwickelten Plattformen. Dabei können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, etwa individuelle Anforderungen, Datenschutzbedenken, erwartete Nachhaltigkeit von Lösungen, Aufwände für den Betrieb etc. Zu beachten ist, dass „selbst gestrickte“ Lösungen häufig vom Engagement einzelner Freiwilliger abhängig sind, die einen langfristigen Betrieb nicht immer gewährleisten können. Grundsätzlich empfiehlt sich, das „Rad nicht neu zu erfinden“, sondern auf Lösungen zu setzen, die auch von anderen Akteur*innen mit ähnlichen Zielen und Werten genutzt werden.



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